Die Verschiebung der Olympischen Spiele und internationaler Regatten (bzw. deren Absage) trifft auch die bayerischen Seglerinnen und Segler im Bundes- und Landeskader. Die Situation ist jedoch von Bootsklasse zu Bootsklasse unterschiedlich. Die einen haben sowohl die Startberechtigung für Olympia als auch die nationale Ausscheidung, andere hätten das in diesen Tagen absolvieren wollen. Es fehlen nach wie vor grundsätzliche Entscheidungen. Zum Beispiel der Termin Olympia, evtl. neue Modalitäten des DSV für eine Qualifikation, Aussagen zur weiteren Förderung von Kaderseglern neben den Nachwuchsseglern, usw. …

Nachfolgend ein aktueller Bericht (Stand 27. März 2020) von Dr. Volker Göbner

Nationenticket und DSV-Ausscheidung

Die Startplätze bei den Olympischen Spielen sind begrenzt. Sie werden in einem mehrstufigen Verfahren vom Weltseglerverband World Sailing vergeben. Die ersten „Nationentickets“ gab es bei den Weltmeisterschaften 2018 im dänischen Aarhus, die nächsten bei den jeweilige Klassen-WMs im Jahr 2019 und weitere für die jeweiligen Kontinente bei ausgewählten Regattaserien („Continental Qualifier“).

Aus bayerischer Sicht – der BSV unterstützt Kadersegler in den Klassen Laser, 470er (M+W), 49er (M) und 49erFX (W) – hat Deutschland diese Nationentickets in den Klassen Laser Standard, 49er und 49erFX sowie bei den 470er-Damen. Bei den 470er-Herren fehlt es noch. Ein solches sollte beim World Cup in Genua (11. bis 19. April) vergeben werden. Doch diese Regatta für alle olympischen Klassen in der italienischen Hafenstadt war die erste, deren Termin abgesagt wurde.

Wer jeweils mit dem Nationenticket zu Olympia geschickt wird, ist Sache der jeweiligen Nationalverbände. Der DSV hat dazu (in Abstimmung mit dem DOSB) in jeder Klasse drei Ausscheidungsregatten benannt, in denen die Athleten nach festgelegtem Schema Punkte sammeln. Darüber hinaus muss eine „Endkampfchance“ nachgewiesen werden, denn der DSV will ja nur Segler/innen zu den Spielen entsenden, wenn sie eine reelle Chance auf eine Teilnahme am Medal Race haben.

Der Stand in den einzelnen Klassen

 Klar für sich entschieden hat diese Ausscheidung Philipp Buhl aus Füssen (SCAI) im Laser Standard. Mit dem Sieg bei der Weltmeisterschaft im Februar 2020 im australischen Melbourne hat der Allgäuer ein starkes Ausrufezeichen gesetzt. Buhl zählt zu den besten zehn Laser-Seglern der Welt, auch wenn er in der Weltrangliste derzeit (Stand 23.3.20) nur auf Platz 19 geführt wird. Diese Spitzenform ins nächste Jahr zu halten, dürfte eine gigantische Aufgabe sein.

Zwei von drei Ausscheidungsregatten haben die Skiff-Segler (49er/49erFX) absolviert (die Weltmeisterschaften 2019 im November in Neuseeland und die WM 2020 im Januar in Australien), die dritte wäre die nun abgesagte Regatta um die „Trofeo Princesa Sofia“ in Palma de Mallorca gewesen, die aber ersatzlos abgesagt ist.

Tina Lutz vom Ciemsee-Yachtclub hat mit den Plätzen fünf (WM 2019) und neun (WM 2020, mit Ersatz-Vorschoterin (wg. Verletzung von Susann Beuke) momentan einen deutlichen Vorsprung gegenüber den Berliner 49erFX-Seglerinnen (Plätze 5 und 27 bei den WMs). Lutz/Beuke haben mit Platz 14 in der Weltrangliste derzeit den besten deutschen Rang inne. Der „Zwangsurlaub“ käme „eigentlich gar nicht so unpassend“, sagte Tina Lutz gegenüber „yacht.de“, da die WM in Australien viel Kraft gekostet habe. Sie hat aber auch eine gute Nachrichten parat: „Alle Sportler des German Sailing Team haben es nach Hause geschafft!“

Die amtierenden Deutschen Meister im 49er, Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger aus dem Bayerischen Yacht-Club, waren bei den beiden WMs zwar gut unterwegs, kamen aber den anderen deutschen Teams nicht wirklich vorbei. „Aus unserer Sicht ist die Verschiebung der Spiele definitiv die richtige Entscheidung, sie hätte schon deutlich früher kommen können“, sagen die beiden BYC-Segler. Sie sprechen auch eine offene Frage an: „Der DSV wird uns in den nächsten Wochen benachrichtigen, ob sich dadurch etwas an der Nominierung des deutschen Starter im 49er ändert oder nicht. Es gibt eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass eine neue nationale Qualifikation ausgeschrieben wird. Davon gehen wir jedoch nicht aus und bereiten uns aktuell mit Indoor-Fitnesstraining so gut wie möglich auf die kommende Saison und unser Ziel Paris 2024 vor.“ Im 49er liegen die Bronzemedaillengewinner von Rio 2016, Erik Heil und Thomas Plössel (NRV), mit einmal WM-Silber und einmal WM-Bronze klar vorne.

Für die 470er hatte der DSV die für den März geplante WM in Mallorca, die erwähnte Trofeo Princesa Sofia ebenda und den ebenfalls schon erwähnten World-Cup in Genua als Ausscheidungsregatten festgelegt. Alle drei Events sind verschoben bzw. abgesagt. Inzwischen (Stand 27. März) werden neue Termine von der 470er-Klasse öffentlich diskutiert: Ende September für die EM in Hyères, Anfang Oktober für die WM in Mallorca. Ungewiss ist, wann und wo der „Continental Qualifier“ durchgeführt werden könnte. Die 470er haben einen der beiden genannten Events angeboten, entscheiden muss aber der Weltseglerverband in Absprache mit dem IOC. Dieser Event könnte auch bis 2021 geschoben werden. Über neue EM- und WM-Termine 2020 wolle man im Juni endgültig entscheiden.

Große Hoffnungen, das übrige europäischen Nationen-Ticket noch zu holen, haben Simon Diesch (WYC) und Vorschoter Philipp Autenrieth vom Bayerischen Yacht-Club. Sie wollten nach der Absage der WM in Mallorca bleiben und bei besten Segelbedingungen dort weiter trainieren. Doch 24 Stunden später strichen auch sie angesichts der gerade angekündigten Ausgangssperre in ganz Spanien die Segel und machten sich fluchtartig mit Sack und Pack auf den Heimweg. Zuhause gilt es nun, das Athletik-Training fortzusetzen, alleine zu joggen oder zu radeln – solange man das noch darf.

Bei den 470er-Damen konnte das Nationenticket für Deutschland gerade so bei der WM 2019 im August in Japan geholt werden. Drei bis vier Teams machen sich Hoffnungen auf eine Olympia-Teilnahme. Mit im Rennen sind nach wie vorNadine Böhm und Ann-Christin Goliaß aus Tutzing(DTYC). Sie posteten über die Entwicklung Mitte März: „Wir konnten nicht glauben, welch eine Wendung diese 48 Stunden genommen haben. Sport und alles, was damit zusammenhängt, wird schlagartig zur Nebensache. Familie und Gesundheit sind das, was wirklich zählt. Mittlerweile sind wir seit einer Woche wieder in Deutschland und sind unglaublich froh, dass wir in diesen Zeiten bei unseren Familien sein können.“

Fotos: BYC-Archiv