Seit Ende April trainieren die Kadermitglieder des DSV wieder auf der Ostsee:  Die 49er-Segler Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger (Bild) sowie 470er-Vorschoter Philipp Autenrieth haben weiterhin große Ziele

Mitte März platzte die 470er-WM zwei Tage vor Beginn in Mallorca. Eilends hatten sie alles zusammengepackt und die Heimreise angetreten. Steuermann Simon Diesch (WYC) verbrachte die nächsten Wochen in Friedrichshafen, konnte dort ab und zu von einem Privatgelände aus mit seinem Bruder einen Schlag segeln. Philipp Autenrieth (BYC) schmökerte zuhause in Augsburg in Fachliteratur, hielt sich mit Radeln und Joggen fit.

Als Mitte April vom DSV die Ausnahmegenehmigung zum Segeln vor Schilksee klar gemacht werden konnte, begaben sie sich umgehend mitsamt dem 470er nach Kiel, um dort das Wassertraining wieder aufzunehmen. Zwei Teams für zwei Stunden vormittags, zwei Teams nachmittags, kein Trainer. Denn der 470er-Trainer kommt aus Polen, müsste auch derzeit noch nach jedem Grenzübertritt zwei Wochen in Quarantäne.

„Am Anfang haben wir vor allem Manöver geübt, an der Technik gefeilt, um wieder ein Gefühl zu bekommen“, berichtet Philipp Autenrieth. Die Videos vom Wassertraining wurden dann per Konferenzschaltung mit dem Trainer besprochen. Viel Zeit verbringen Simon und Philipp auch damit, das Equipment (Masten, Schwerter) noch einmal genau zu vermessen und auf dem Wasser dann die Daten abzugleichen, bestimmte Kombinationen zu erproben. DSV-Techniktrainer Marc Pickel unterstützt die 470er-Segler hier, hat er sich doch als Bootsbauer intensiv mit der Materialoptimierung befasst.

Inzwischen sind sechs 470er-Teams (Damen, Herren, Mixed) in Kiel, die auch kleine Wettfahrten absolvieren können. „Der Wind war zuletzt super, bei Nordwind auch mit großer Welle in der Kieler Bucht – aber bei acht bis zehn Grad Lufttemperatur war das schon anspruchsvoll“.

Angesichts dieser Möglichkeiten sehen sich die 470er im internationalen Vergleich nicht gerade benachteiligt. Die Terminsituation ist jedoch unverändert ungewiss: Für WM und die ebenfalls verschobene EM hat die internationale Klassenvereinigung der 470er inzwischen neue Termine vorgeschlagen. Die EM soll vom 12. bis. 19. September in Hyères (Südfrankreich) gesegelt werden, die WM vom 2. bis 10. Oktober in Arenal/Mallorca (beides an den ursprünglich geplanten Orten). Eine Entscheidung über die konkrete Planung soll bis Mitte Juni erfolgen – alles unter dem Vorbehalt der coronalen Entwicklung.

Der DSV will die interne Ausscheidung, wer denn ggf. das Olympia-Ticket erhält, noch 2020 abschließen. Dafür waren drei Events vorgesehen: die EM, die WM und die Trofeo Princesa Sofia ebenfalls in Mallorca. Letztere ist abgesagt worden. Für die Vergabe des Nationenstartplatzes (der fehlt den deutschen 470er-Herren noch) hat die KV die neu terminierten EM oder WM vorgeschlagen. World Sailing hat sich indes noch nicht festgelegt – und das IOC lässt sich gar bis zum Juni 2021 Zeit für sportartspezifische Qualifikationen … mehr Möglichkeiten kann man sich wirklich nicht offen halten.

Auch die 49er waren Mitte März ebenfalls in Palma de Mallorca – zur Vorbereitung auf die Trofeo Princesa Sofia. Zuerst war Corona nur ein Thema. Die bevorstehende Ausgangsperre war dann aber auch für die 49er das Signal, alles einzupacken und abzureisen. „Wir sind gleich mit allem bis nach Kiel gefahren“, erinnert sich Jakob Meggendorfer. Gut vier Wochen waren sie dort mehr oder weniger auf Abruf. Jakob Meggendorfer wie Andreas Spranger (Deutsche Meister 2019 im 49er) studieren in Kiel und fühlen sich dort gut aufgehoben. „Wir haben die Zeit genutzt um zu studieren und um unsere Prozesse und Abläufe zu überdenken“, so Jakob weiter.

Eine Woche nach Ostern wurde auch für die 49er-Kadersegler das Trainieren in Kiel wieder möglich, rund zwei Stunden mehrmals in der Woche. „Wir mussten uns in den Slot beim DSV eintragen“, schildert Jakob. 49er-Trainer Max Groy wohnt in Kiel, hatte also keine Probleme, vor Ort zu sein.

Bei Andreas Spranger indes stellte sich eine Nebenhöhlenentzündung ein. Statt aufs Wasser begab er sich in ärztliche Behandlung, wurde „auf Herz und Viren“ durchgecheckt. Derzeit befindet er sich noch im Genesungsprozess. „Bei Verletzungspausen darf man nicht zu früh wieder anfangen“, hält Steuermann Jakob nichts vom Drängeln. Er segelt hin und wieder mit anderen Vorschotern, seit die Vorschriften in Schilksee Anfang Mai gelockert wurden. Das Team steht derzeit weder unter Zeit- noch unter einem anderen Druck. Für die 49er waren die beiden Weltmeisterschaften im Dezember 2019 in Australien und im Februar 2020 in Neuseeland die ersten beiden Qualifikations-Events. Die dritte wäre die abgesagte Trofeo Princesa Sofia gewesen. Mit zwei Top-WM-Ergebnissen haben sich Erik Heil/Thomas Plössel, die Bronzemedaillengewinner von Rio 2016, an die Spitze gesetzt. Für Jakob Meggendorfer ist klar: „Thommy und Erik werden nach Tokyo fahren.“ Offiziell hat der DSV noch nicht über die Qualifikation entschieden. Den Nationenstartplatz haben die deutschen 49er-Segler längst.

Nachdem diese Situation schon nach der WM im Februar klar war, pfuschte Corona dem Team Meggendorfer/Spranger bisher nicht großartig ins Handwerk. „Wir haben 2020 eh mit weniger Wassertagen und weniger Ausgaben geplant – und die meisten Supporter unterstützen uns unabhängig von der aktuellen Krisensituation“, erklärt Jakob. Denn schon vor der Pandemie hatten sie ihr neues Ziel definiert: Die Spiele von Paris/Marseille 2024.

Text: Dr. Volker Göbner