300 Tage vor den Olympischen Spielen von Tokio 2020 haben Jakob Meggendorfer (22 Jahre) und Andreas Spranger (gerade noch 21) den Sieg bei der Int. Deutschen Meisterschaft der 49er im BYC geholt, nach mehreren Jugend erfolgen zum ersten Mal im „Senioren“-Bereich. In der Weltrangliste steht das Team aus dem Bayerischen Yacht-Club auf Rang 21, ist damit drittbeste deutsche 49er-Mannschaft.

Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger im Interview mit Dr. Volker Göbner

Herzliche Gratulation zum Sieg bei der IDM! Ihr habt erst am dritten Tag die Führung übernommen, nach mittelprächtigen Plätzen gelang euch mit der Tages-Serie 2-1-1-1 der Sprung an die Spitze. Was habt ihr da anders gemacht, warum ist es da plötzlich gelaufen?

Jakob Meggendorfer: Im Grunde genommen haben wir nichts anders gemacht. Am Starnberger See ist drehender, sehr böiger Wind normal. Und wenn es da einmal läuft, dann läuft’s – sagt man ja immer. Wenn man erst einmal in diesem Rhythmus drin ist, den Überblick hat, dann ist es nicht mehr so schwierig.

Seit ein paar Jahren seid ihr Mitglied im BYC. Wie oft segelt ihr auf dem Starnberger See?

Andreas Spranger: Eigentlich leider sehr selten. Das war seit langem mal wieder ein Wettkampf dort, unser erster im 49er. Vor ein paar Jahren waren wir öfter bei der Bayerischen Jugendmeisterschaft dort, im 29er und im Opti. Im 49er immer nur für einen Schnupper-Event im Bayerischen Yacht-Club.

Wie bereitet man sich dann auf so eine IDM vor, wenn man so gut wie nie auf dem Revier ist?

Andreas: Da es ein See ist, segelt man nach dem, was man sieht. Es gibt ja weder spezielle Küsten-Formationen noch Strömungen, womit man sich auseinandersetzen müsste. Man segelt sich ein wenig ein, sammelt die Kompasszahlen und segelt nach Böen und Drehern. Der Wind ist an keinem Tag gleich, da muss man nicht eine Woche vorher da sein.

Also einfach schauen, woher der Wind kommt?

Jakob: Einfach gesagt. Aber: Ja.

Welchen Stellenwert hat die IDM, wenn ihr gerade den World Cup in Japan hinter euch und die WM in Neuseeland vor euch habt?

Jakob: International betrachtet hat eine IDM keinen so großen Stellenwert, aber für unseren Heimat-Club und die Klasse halten wir sie schon für wichtig. Ich finde auch den Austausch mit den Amateur-Teams wichtig. Es war eine coole Sache – und wenn man den Titel gewinnt, ist es eben nicht mehr unbedeutend. Wir wollen auch dem Club und der Wettfahrtleitung ein dickes Dankeschön aussprechen. Es war vor zwei Jahren mal nur eine Idee, in Starnberg die IDM auszurichten – und die durchführende Jugend- und Junioren-Abteilung hat das klasse gemacht!

Ein Blick zurück: wie habt ihr eigentlich die Segelei angefangen, wo habt ihr es gelernt?

Jakob: Wir waren mal am Chiemsee, sahen die Segelboote und mein Bruder wollte unbedingt den Segelschein machen. Wir wurden dann beide in eine Segelschule gesteckt – und es machte viel Spaß. Wir sind dann in einen Club, den Seebrucker Regatta-Verein, und haben ein bisschen Opti-Liga gesegelt. Daraus hat es sich entwickelt.

Andreas: Mein Papa ist begeisterter Segler, auch mein Opa – und so habe ich schon mit sechs oder sieben Jahren meinen ersten Segelschein gemacht. Wir waren eine große, tolle Gruppe im SRV (Segel- und Ruderclub Simssee), in der es superviel Spaß gemacht hat, am Wochenende im Opti zu trainieren. Der Spaß daran ist das Wichtigste! Da habe ich auch Jakob kennengelernt. 2010 sind wir dann zusammen in den 29er, waren U17-Meister, 2011 in Berlin, und zweimal Bayerische Meister. Im Herbst 2012 sind wir dann in den 49er umgestiegen. Wir segeln seit sechs Jahren 49er. Nach ein, zwei Jahren entwickelte sich da schon der Traum, bei Olympia einmal dabei zu sein. Tokio 2020 ist ganz klar unser Ziel, für das wir jetzt mit Vollgas arbeiten.

Ihr seid im DSV-Kader und wohnt nun in Kiel. Seit wann?

Andreas: Wir sind seit etwa 2015 im C-Kader, heute heißt das ja etwas anders. Hier ist der Olympia-Stützpunkt, die ganze Infrastruktur. Ein Umzug nach Kiel wird vom DSV vorgegeben. Am Anfang haben wir uns schon dagegen gesträubt, nach Kiel zu ziehen, wir haben lieber am Gardasee trainiert. Aber als wir dann die Kampagne voll durchziehen wollten, führte kein Weg dran vorbei. Wir haben hier schließlich von Montag bis Freitag Training. Vor drei Jahren haben wir uns dann für den Umzug entscheiden – und sind beide der Meinung, dass das richtig war. Heute sind wir zufrieden und glücklich damit.

Jakob: Wir sind ja relativ früh in den 49er, schon mit 16. In diesem Alter nach Kiel umzuziehen, wäre krass. Wir mussten uns erst mit diesem Gedanken anfreunden. Und eigentlich sind wir viel unterwegs, nur ein Drittel des Jahres in Kiel – und im Sommer lässt sich’s aushalten.

Wie seid ihr dann zum BYC gekommen?

Andreas: Wir wollten weiter für einen bayerischen Club starten, wir kommen ja aus Bayern und sind auch stolz darauf, das einzige, richtig bayerische Team im 49er zu sein. Zunächst waren wir mit dem 49er noch im Segel- und Ruderclub Simssee. Aber wir wollten in einen größeren Club mit einem großen Netzwerk – da ist der Bayerische Yacht-Club natürlich perfekt für uns.

Jakob: Der BYC hat zwar keine Förderstruktur für Olympia-Kampagnen wie der NRV, aber die Unterstützung für aktive Segler ist schon umfassender als in allen anderen bayerischen Vereinen. Allein durch das große Netzwerk und die vielen induviduellen Kontakte des BYC sind die Chancen größer, Sponsoren und Förderer zu gewinnen. Und der BYC ist ein cooler Verein, der sich sehr ums Clubleben bemüht. Professionell geführt, aber auch familiär und symphatisch. Wir halten jeden Winter einen Vortrag über unsere Kampagne, der immer richtig gut ankommt.

Ihr seid mit einem nagelneuen 49er, der zu weiten Teilen aus dem BYC und seiner Stiftung heraus finanziert und auf den Namen „Burgl“ getauft wurde, in die Meisterschaft gestartet. Sind die 49er von der Stange oder müsst ihr da noch dran herumbasteln?

Andreas: Es sind zwar als One Design alle Boote gleich, aber so fünf bis sechs Tage brauchen wir schon, um den startklar zu machen. Der Ruderkasten etwa muss sehr exakt ausgerichtet werden, wir passen die Fußschlaufen genau an oder auch die Länge der Schoten. So krass wie im 470er ist es nicht, aber man ist ein bestimmtes Setting gewöhnt, damit man sich auf dem Boot zuhause fühlt.

Wie viele Boote habt ihr denn?

Jakob: Derzeit sind es drei. Das neue ist jetzt in Kiel mit dem ältesten, das andere war beim World Cup in Japan und ist gerade im Container auf dem Weg nach Neuseeland, im Januar wird es in Australien sein. Aber eines steht jetzt zum Verkauf.

Und wie viele Tage verbringt ihr mit Training und Regatten auf dem Wasser?

Andreas: Für 2019 habe ich es gerade zusammengerechnet, da werden es 169 Wassertage sein, dazu kommen die Reisetage. Fitnesstraining steht fünf Mal die Woche auf dem Programm, auch bei den Events..

Jakob: Man kann eher die Tage zählen, an denen wir nicht trainieren – das ist im Schnitt ein Tag pro Woche, also etwa 50 im Jahr.

Die Bewegungen der 49er-Segler sehen extrem synchron aus. Ergibt sich das einfach so oder wird es geübt?

Andreas: Da arbeiten wir viel im Training daran, optimieren die Manöver, damit die Bewegungen auf dem Boot wie von selber laufen. Du musst nicht nachdenken, weißt genau, welchen Schritt jetzt der andere macht, mit welchem Schritt ich weiter gehe. Ja, das ist ein bisschen wie Ballett auf dem Wasser, einstudierte Choreographien. Deswegen trainieren wir so viel, damit die reibungslos klappen. Das ist extrem wichtig im 49er.

Wenn ihr da so übers Wasser tanzt – seid auch auf dem Parkett firm?

Andreas: Nicht aktiv. Ich glaube, mein Tanzkurs ist schon acht Jahre her.

Jakob: Das kommt bei mir aufs selbe raus.

Was sagt denn da das Umfeld?

Andreas: Das ist nicht immer einfach zu kombinieren, aber unsere engen Freunde verstehen und unterstützen das alle, das ist supercool. Wenn man es wirklich will, funktioniert das schon.

Formal seid ihr eigentlich Studenten …

Jakob: Ich habe meinen Bachelor in Informatik in München gemacht und bin jetzt für den Master in Kiel eingeschrieben. Das ist aktuell schwierig, das nebenbei auf die Reihe zu bekommen, aber ich will da auf alle Fälle weitermachen.

Andreas: Ich habe den Bachelor in Maschinenbau in Kiel angefangen, aber das steht eher gerade auf Pause. Unsere ganze Energie wird in die Kampagne investiert.

Jetzt blicken wir mal auf die Ergebnisse der Saison 2019 zurück. Was hat sich als Stärke, was als Schwäche herauskristallisiert?

Jakob: Bei viel Wind sind wir relativ stark, bei weniger Wind haben wir eher ein Problem. Die Starts bei wenig Wind waren ein Thema und auch der Überblick im Regattafeld. Das sind Themen, an denen wir permanent arbeiten. Auckland und Geelong, wo es jetzt hingeht, sind ja eher als Starkwindreviere bekannt. Aber meistens kommt ja doch alles anders als erwartet …

Wie geht es in den nächsten Wochen weiter?

Andreas: Wir trainieren jetzt gute drei Wochen in Kiel, fliegen am 9. November nach Neuseeland und werden uns dort fünf Tage erstmal einleben, da haben wir 12 Stunden Zeitverschiebung. Ab dem 15. November ist dort Wassertraining geplant und am 2. Dezember ist der erste Regattatag der Weltmeisterschaft 2019 in Auckland.

Was ist euer Ziel bei der WM in Neuseeland?

Andreas: Wir wollen unter die ersten 20 fahren, da gibt es Punkt für die interne Qualifikation.

Jakob: Das Potenzial für eine Top-Ten-Platzierung ist da. Das kommt immer sehr auf die aktuelle Form an.

Interne Qualifikation – wie sieht die aus, wer mischt da mit?

Jakob: Der DSV hat die Weltmeisterschaft 2019 in Neuseeland, die WM 2020 in Australien und die Trofeo Prinçesa Sofia Anfang April in Palma de Mallorca als Ausscheidungs-Events für die deutsche Olympia-Fahrkarte festgelegt. Das Nationenticket im 49er Men hat Deutschland schon. Fünf Teams haben da reelle Chancen: Heil/Plössel (die Bronzemedaillengewinner von Rio), Schmidt/Böhme, unsere Trainingspartner Tim Fischer und Fabian Graf, Nils Carstensen mit Jan Frigge und wir.

Wie geht es nach der WM 2019 im Dezember weiter?

Andreas: Nach Neuseeland geht es erstmal nach Hause. Der World-Cup in Miami fällt für uns aus, wir planen Anfang Januar noch einen Trainingsblock in Südeuropa. Unser zweites Boot muss ja nach Palma, da liegt es nahe, da in die Nähe zu fahren. Am 20. Januar fliegen wir dann nach Australien, zur WM 2020.

Wenn man so viel unterwegs ist – worüber freut man sich dann zuhause am meisten?

Jakob: Die gute oberbayerische Luft!

Andreas: Auf mein eigenes Bett!

Und welches Leibgericht vermisst ihr am meisten?

Jakob: Wir kochen unterwegs ja meistens selber. Aber so ein Kaiserschmarrn ist nie verkehrt.

Euer Ziel ist Tokio 2020. Was kommt danach?

Andreas: Ich werde den Fokus aufs Studium legen. Aber geplant ist, bis 2024 in Marseille weiter zu machen. Je nachdem, wie die Ausscheidung jetzt ausgeht, werden wir gegebenenfalls auch mit unseren Sparrings-Partnern weiter machen.

Und langfristig?

Jakob: Segeln wird für mich immer ein Thema sein! Ich hoffe, das mit dem Informatik-Studium kombinieren zu können, aber eine professionelle Segel-Karriere wäre schon mein Traum!

Andreas: Ja, ähnlich bei mir. Bei einigen 49er-Seglern sieht man ja, dass die das geschafft haben, heute mit Frau und Kind zu den Wettkämpfen anreisen. Ich bin offen für alles.

Wenn ich mir jetzt ein paar professionelle Teams anschaue, die unter deutscher Flagge segeln – dann sind da aber wieder kaum Deutsche in der Crew. Habt ihr eine Idee, woran das liegt?

Jakob: Deutschland ist natürlich nicht so die klassische Segelnation, da fehlen wohl die Connections.

Was ist eigentlich euer Lieblingsrevier?

Andreas: Ich freue mich immer auf den Wettkampf in Palma. Da ist alles so unkompliziert, es ist leicht zu erreichen, man hat die Boote am Strand, die Unterkünfte sind nah und günstig und das Segelrevier ist einfach traumhaft. Wir sind da im März, da hat es schon 25 Grad, es baut sich eine wunderbare Sea Breeze auf. Wir können dort mit Wind und Welle segeln gehen, während die anderen in Deutschland frieren.

Jakob: Ich finde der Gardasee ist schon eines der besten Reviere! Auch vom Umfeld her – die Bergkulisse, der Thermikwind, auf den man sich verlassen kann, kein Salzwasser – und gute Pizza! 2020 wird dort endlich wieder einmal eine EM stattfinden!

Welches Boot würdet ihr gerne mal segeln?

Andreas: So ein foilender F50-Kat hat was, oder eine Volvo Ocean Race Yacht.

Jakob: Ja, F50 wäre eine geile Sache, aber ich hätte auch mal Lust, Moth zu segeln.

Wir stecken euch jetzt mal für ein Jahr auf eine Insel. Welche drei Dinge nehmt ihr mit?

Jakob: Hm, das ist schwierig. Also eine Musikbox, ein Wellen-Surfbrett – und ne Hängematte.

Andreas: Wellen-Surfbrett ist gut, auch die Hängematte – und meine Kaffeemaschine.

Was macht ihr eigentlich noch neben Segeln und dem „Studium“?

Andreas: Golfen, Klettern, Surfen und Wellenreiten – das ist immer ein guter Ausgleich.

Jakob: Ich mache viele Sachen nebenbei, fahre gerne auch Rennrad oder spiele Beach-Volleyball.

Die Klima-Diskussion ist bestimmt auch bei euch angekommen? Was meint ihr ?

Jakob: Ja, spätestens seit Boris Hermann das Taxi für Greta gespielt hat. Wir professionellen Sportler fliegen ja ziemlich viel. Das lässt sich kaum vermeiden. Aber von Bayern nach Kiel fahren wir mit dem Zug. 2014, vor dem Umzug, waren wir 14 Mal zwischen München und Kiel auf der Schiene, gerne auch mit dem Nachtzug.

Andreas: Allgemein sind Segler sehr klimabewusst. Bei den großen Wettkämpfen gibt es oft Beach Clean Ups. Alle Segler treffen sich am Strand und suchen Müll. Es ist erschreckend, was man da findet. Wir haben auch wiederverwendbare Trinkflaschen, füllen die am Wasserschlauch. Sonst verbraucht man ja Unmengen von Einwegflaschen. Die Bibs, die Regatta-Lycras, werden inzwischen auch meist aus recycelten Stoffen hergestellt, auch viele Aufkleber.

Was würdet ihr jungen Teams, die in den 49er einsteigen, empfehlen: Welchen Fehler sollte man unbedingt vermeiden?

Andreas: Den Spaß am Segeln behalten! Man kommt aus einer Jugendbootklasse, war da relativ schnell erfolgreich, und denkt sich, das wird im 49er genauso. Aber man sollte in olympischen Bootsklassen nicht unterschätzen, wie viel gute Teams da unterwegs sind. Man sollte die Sache relativ locker angehen und darauf achten, den Spaß nicht zu verlieren. Wenn man Spaß hat, investiert man auch gerne die Zeit und wird schnell besser. Unser Vorteil war: Es hat uns einen Riesenspaß gemacht, 49er zu segeln. Wir haben uns da am Anfang auch nicht zu viel stressen lassen.

Jakob: Vielleicht neben dem 49er auch noch andere Boote segeln, mal in eine J70 oder eine Melges reinschnuppern. Einfach mal über den Tellerrand hinausblicken!

Vielen Dank für das Gespräch – und wir drücken euch die Daumen für die WMs und die Olympia-Ausscheidung!

 

Die Homepage:

www.meggendorfer-spranger-sailing.de