Seit Jahren gehört Marcus Brennecke mit Hatari zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen ClubSwan-50-Klasse. Zwei Weltmeistertitel, fünf gewonnene Saisonwertungen in Folge und ein kompromissloser Fokus auf Teamleistung, Präzision und Weiterentwicklung haben ihn und seine Crew an die Spitze des hochklassigen One-Design-Feldes geführt.
Im Gespräch spricht Brennecke über den besonderen Reiz der ClubSwan 50, die Brutalität des engen Kopf-an-Kopf-Racings, prägende Momente gegen starke Konkurrenten wie Earlybird und warum Vertrauen, eingespielte Abläufe und die richtige Crew-Zusammensetzung auf diesem Niveau oft den entscheidenden Unterschied machen. Außerdem blickt er auf einen personellen Neustart bei Hatari, seine Ziele für die Saison 2026 – und darauf, was er jungen Seglerinnen und Seglern aus dem BYC mit auf den Weg geben möchte.
Ihr seid seit Jahren feste Größen in der ClubSwan-50-Klasse – was macht für euch den besonderen Reiz dieser Klasse aus?
Die ClubSwan 50 ist für mich eine der faszinierendsten Klassen überhaupt, weil sie eine strikte Einheitsklasse ist. Das bedeutet: Es kommt ausschließlich auf das jeweilige Team und dessen Fähigkeiten an – also auf Manöver, Bootsspeed und Taktik. Man kann sich keine Materialvorteile „erkaufen“, und es sind auch keine Konstruktionsänderungen möglich, wie man das etwa aus der TP52 oder dem America’s Cup kennt. Genau das macht die Klasse sportlich so reizvoll.
Dazu kommt, dass Nautor Swan die Events wirklich hervorragend organisiert. Das beginnt bei den Segelorten, die vorab mit den Eignern abgestimmt werden, und zieht sich über die Regattaleitung bis hin zur gesamten Eventorganisation. Alles ist auf einem sehr hohen Niveau.
Und was diese Klasse ebenfalls besonders macht: Auf dem Wasser bekämpfen sich die Eigner mit voller Konsequenz, aber an Land ist der Umgang sehr freundschaftlich. Das ist etwas, das ich sehr schätze – so wie zum Beispiel zwischen Hendrik Brandis und mir.
Die ClubSwan 50 gilt als extrem enges, taktisches One-Design-Racing – was unterscheidet diese Klasse aus eurer Sicht von anderen internationalen Regattaformaten?
Im One-Design steht der rein sportliche Aspekt ganz klar im Vordergrund: Boot gegen Boot, ohne Vergütungssystem. Genau das macht den Reiz aus. Es geht nur darum, wer auf dem Wasser die beste Leistung bringt.
Dadurch kann im Grunde fast jedes Team eine Wettfahrt gewinnen – vorausgesetzt, es trainiert fleißig und entwickelt sich konsequent weiter. Das sieht man auch an neueren Teams wie All for One, Lady Ghada oder Volpe. Diese Klasse belohnt Arbeit, Training und Präzision.
Wenn ihr auf die vergangenen Saisons zurückblickt: Welche Entwicklung hat euer Team in der ClubSwan-50-Klasse besonders geprägt?
Als wir Anfang 2020 in die ClubSwan-50-Klasse eingestiegen sind, haben wir das Niveau der Klasse sicher ein Stück weit angehoben. Das lag vor allem an mehreren Faktoren.
Zum einen hatten wir ein sehr sorgfältig ausgewähltes Team an Profis an Bord – Segler, die nicht nur auf ihrer jeweiligen Position absolute Top-Leute sind, sondern auch als Persönlichkeiten und mit ihren Fähigkeiten hervorragend zusammenpassen. Viele von ihnen sind auch auf anderen Booten bereits erfolgreich gemeinsam gesegelt.
Zum anderen haben wir das Team gezielt mit exzellenten Amateuren und Nachwuchskräften ergänzt, zum Beispiel aus dem BYC. Das war uns immer wichtig.
Ein weiterer entscheidender Punkt war, dass wir bewusst auf Rotation verzichtet haben. Unser Ziel war es, ein hervorragend eingespieltes Team zu formen, das Manöver aus dem Effeff beherrscht. Und nicht zuletzt hatten wir einen Top-Coach, der uns zusätzlich auf ein sehr hohes Niveau gebracht hat.
Sowohl Hatari als auch Earlybird haben in den vergangenen Jahren starke Ergebnisse auf internationalem Niveau eingefahren – welche Regatten oder Momente sind euch besonders in Erinnerung geblieben?
Ganz klar an erster Stelle steht der Gewinn unserer ersten Weltmeisterschaft direkt im ersten Jahr 2020 in Scarlino. Das war natürlich etwas ganz Besonderes. Fast noch mehr in Erinnerung geblieben ist mir aber die Bestätigung im darauffolgenden Jahr: der Gewinn des zweiten WM-Titels in St. Tropez nach einem denkbar engen Ausgang gegen Hendrik Brandis mit Tom Slingsby.
Legendär war dann auch der anschließende Abend: Hendrik feierte mit seinem Team seinen Geburtstag, wir stießen dazu, haben ihn hochleben lassen und gemeinsam den Weltmeister- und Vizeweltmeistertitel feuchtfröhlich gefeiert. Solche Momente bleiben.
Was ich in diesem Zusammenhang auch unbedingt ergänzen möchte: Wir konnten von 2020 bis 2024 fünf Jahre hintereinander die Saisonwertung gewinnen. Das ist für mich vor allem Ausdruck unserer Konstanz über einen langen Zeitraum.
Wie wichtig ist in einer Klasse wie der ClubSwan 50 das Zusammenspiel aus Owner, Taktik, Crewwork und Vertrauen an Bord?
Das ist das A und O. Als Owner stelle ich das Team zusammen – und das bedeutet, dass ich mir sehr genau Gedanken über die Leistungsfähigkeit auf jeder einzelnen Position mache, aber eben auch über Persönlichkeit, Charakter und die Frage, wie gut die Crewmitglieder miteinander harmonieren und sich ergänzen.
Dann beginnt die eigentliche Vorbereitung. Dazu gehört zum einen die Bootspräparation durch den Boat Captain, damit keine technischen Fehler passieren. Es heißt ja nicht umsonst: „To finish first you need to first finish.“ Zum anderen gehört dazu systematisches Training – und das schließt natürlich auch den Eigner und Steuermann mit ein.
Eine weitere zentrale Komponente ist die Crewwork. Denn nur wenn diese in jeder Situation funktioniert, ist eine der beiden Grundlagen für erfolgreiche Taktik gelegt. Ich bin sechs Saisons lang mit mehr oder weniger derselben Crew gesegelt, und dadurch waren wir extrem gut eingespielt. Jeder hat das Vertrauen von mir und von seinen Teammitgliedern gespürt. Ich nenne das „psychological safety“.
Die zweite Voraussetzung für erfolgreiche Taktik ist der Bootsspeed. Der wird durch Masttrimm, Segelauswahl sowie Segel- und Trimmeinstellung beeinflusst. Erst wenn diese Basis stimmt, kann der Taktiker wirklich mit Selbstbewusstsein agieren. Umgekehrt gilt: Wenn man sich nicht hundertprozentig sicher sein kann, dass die Manöver funktionieren, oder wenn man beim Bootsspeed unterlegen ist, dann kann selbst der beste Taktiker wenig ausrichten – dann reagiert man nur noch, anstatt selbst zu gestalten.
Die Nautor-Swan-Seiten beschreiben die ClubSwan 50 als Klasse mit „close racing“ und echten Kopf-an-Kopf-Duellen – wie fühlt sich dieses Racing auf dem Wasser tatsächlich an?
Es ist brutal eng. Oft entscheiden Zentimeter oder Sekunden darüber, ob man einen Konkurrenten gerade noch crossen kann oder ob man gerade eben noch vor dem Wettbewerb am Luvfass reinkommt – und sich damit den entscheidenden Punkt sichert.
Genau in diesen Situationen liegen in dieser Klasse Sieg und Niederlage oft extrem nah beieinander.
Mit Blick auf die Flotte: Was macht die internationale Konkurrenz in der ClubSwan-50-Klasse derzeit so stark und attraktiv?
Die Flotte ist derzeit einfach unglaublich gut besetzt. Es gibt einen sehr spannenden Mix aus etablierten Teams wie Earlybird, Cuordeleone, Olymp und Hatari – allesamt Weltmeister – und weiteren starken Teams wie Perhonen, Giuliana und Ulika.
Dazu kommen neue Teams, die sehr schnell dazulernen, etwa All for One, Lady Ghada, Volpe oder Jumunu. Genau diese Mischung aus Erfahrung, Qualität und frischem Druck von neuen Mannschaften macht die Klasse aktuell so stark und attraktiv.
Was bedeutet es euch persönlich, den BYC auf dieser internationalen Bühne zu vertreten?
Das bedeutet mir wirklich viel. Ich bin sehr stolz auf den BYC und versuche auch ganz bewusst, jüngere Segler einzubinden. Beispiele dafür sind Kim Fernholz, Felix Kaiser, Nick Beulke, Nico Kampf und Moriz Forster.
Es ist mir wichtig, etwas zurückzugeben und Talente mitzunehmen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
Wenn ihr auf die Saison 2026 schaut: Auf welche Events in Europa freut ihr euch besonders – und warum?
Ich freue mich besonders auf Porto Cervo. Das ist mein Lieblingsrevier, und dort findet außerdem die 60-Jahre-Nautor-Swan-Jubiläumsregatta statt. Dazu kommt, dass ich nach einer schwierigen Weltmeisterschaft 2025 dort definitiv noch etwas gutzumachen habe.
Und natürlich freue ich mich im Herbst auf unser Saisonhighlight: die Weltmeisterschaft in Neapel. Das ist das künftige America’s-Cup-Revier, und ich selbst bin dort noch nie gesegelt. Das macht es für mich zusätzlich spannend.
Was zeichnet euer Team an Bord besonders aus – eher Präzision, Erfahrung, Ruhe oder Angriffslust?
Das ist für mich eine besondere Frage, die auch eine etwas längere Antwort braucht.
Earlybird hat die vergangene Saison klar dominiert – mit dem verdienten erstmaligen Gewinn der ClubSwan-50-Weltmeisterschaft sowie drei von vier Regattasiegen. Ich war zugegebenermaßen frustriert über unsere eigene Leistung. Und zwar nicht nur darüber, dass wir bei der WM schlecht gesegelt sind – das kann passieren –, sondern vor allem über die Art und Weise, wie wir verloren haben.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass bei uns eine echte Weiterentwicklung stattgefunden hat. Eher war Stagnation zu erkennen. Und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass alle Profis – Markus Wieser möchte ich davon explizit ausnehmen – weiterhin richtig hungrig waren und Hatari als Top-Priorität im Kopf hatten.
Daraufhin habe ich, wie ich es auch im Business machen würde, für die letzten beiden Events der vergangenen Saison das Prinzip eines „fresh pair of eyes“ eingeführt. Ich habe mit Terry Hutchinson, Sean Clarkson und James Dagg – Daggy – drei neue, sehr erfahrene, vielfache America’s-Cup-Segler sowie mehrfache TP52-Weltmeister von American Magic Quantum Racing in die Crew geholt.
Terry hat aus jedem Crewmitglied ungefähr zehn Prozent mehr Leistung herausgekitzelt. Sean und Daggy wiederum haben unseren Trimm, die Segel sowie die Segel- und Trimmeinstellung komplett neu bewertet.
Daraus ist für diese Saison eine völlig neue Crew-Aufstellung entstanden. Ich wollte das Team zum einen verjüngen – und zwar mit höchst erfolgreichen Seglern aus olympischen Klassen, weil ich ja bekanntlich auch den deutschen olympischen Segelsport unterstütze.
Konkret habe ich folgende Positionen neu besetzt:
In der Taktik mit Nic Asher, ehemaliger 470er-Weltmeister und sehr erfolgreich unter anderem in der RC44, Cape31 und Melges24.
Auf der Main mit Elliot Willis, ebenfalls ehemaliger 470er-Weltmeister und Crew von Nic, im vergangenen Jahr ClubSwan-50-Weltmeister auf Earlybird und darüber hinaus ebenfalls sehr erfolgreich auf TP52, RC44, Cape31 und Melges24.
Als Trimmer mit Will Ryan, Olympiasieger im 470er, mehrfacher 470er-Weltmeister, SailGP Red Bull Italy und erfolgreich in vielen weiteren Klassen wie TP52, RC44, Etchells und Melges24.
Und als Projektleiter und Floater mit Philipp Autenrieth, ebenfalls ehemaliger 470er-Weltmeister.
Hinzu kommt, dass ich beim ersten Event in Bonifacio drei Teammitglieder ersetzen muss: Bowman, Midbow und Mast. In der Fußball-Analogie heißt das: Wir spielen dort mit einer neuen Dreierkette.
Außerdem habe ich den Segelmacher gewechselt und bin von Doyle zu North gewechselt.
Das alles bedeutet: Es ist ein Prozess. Wir müssen uns im Laufe der Saison erst wieder richtig einspielen. Ich hoffe sehr, dass wir zum Saisonende wieder ein echtes Topteam sein werden. Ich setze darauf, dass unsere Lernkurve steil sein wird – auch deshalb, weil ich mir zusätzlich eine neue Cape31 habe bauen lassen und das Kernteam um Nic, Elliot, Will, Philipp und mich auch dort gemeinsam segeln wird. Das sollte unserem Zusammenspiel und unserer Kommunikation zusätzlich helfen.
Was möchtet ihr jungen Seglerinnen und Seglern aus dem BYC mitgeben, die selbst einmal auf diesem Niveau segeln wollen?
Segeln, segeln, segeln – und sich Top-Mentoren suchen, von denen man lernen kann. Das gilt unabhängig davon, ob man im olympischen Leistungssport unterwegs ist oder in anderen kompetitiven Klassen.
Man sollte keine Scheu haben, gezielt um Rat zu fragen – zum Beispiel Philipp Autenrieth, Jochen Schümann, Markus Wieser, Hendrik oder auch mich.
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